Achtsamkeitstraining in Unternehmen: Hype oder Hilfe?

Berlitz -

Längst ist der Achtsamkeitstrend auch in der deutschen Arbeitswelt angekommen. In Zeiten gestiegener Arbeitsbelastung, gehäufter Depressionen und Burn-out-Erkrankungen suchen Unternehmen nach Wegen, Stress und seine negativen Auswirkungen zu reduzieren. Denn hohe Ausfallzeiten durch Krankentage sind für beide Seiten, Belegschaft und Geschäftsleitung, nicht sinnvoll. Firmeninterne Achtsamkeitstrainings erscheinen oftmals als eine Lösung des Problems. Doch hält der Hype, was er verspricht? Im folgenden Artikel beleuchten wir, wie Unternehmen Achtsamkeitsübungen einsetzen, welche Ansätze es gibt und welche Fallstricke dabei lauern.

Was ist Achtsamkeit?

Wer achtsam ist, nimmt den gegenwärtigen Moment bewusst wahr – und bewertet vor allem die eigenen Gedanken, Sinneseindrücke und Gefühle nicht. Diese Fähigkeit lässt sich, so sehen es Achtsamkeitscoaches, bewusst trainieren. Dabei spielen oftmals Meditationsübungen eine große Rolle.

Achtsamkeit, im Englischen „Mindfulness“, lehnt sich an Traditionen des Buddhismus an. Sie basiert auf der Annahme, dass der menschliche Verstand ständig in Bewegung ist und alles, was er wahrnimmt, auf Grund seiner Erfahrungen bewertet. Auf der einen Seite ist dies notwendig – schließlich hilft die gedankliche Verarbeitung dabei, die Sinneseindrücke schnell zu ordnen und Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite führt dies gerade im hektischen Berufsalltag mit einer Vielzahl von E-Mails, Smartphone-Nachrichten und Meetings zu Stress und Überlastung der Angestellten.

Wie Unternehmen Achtsamkeit fördern

Was Internetgigant Google vormacht, hat auch in deutschen Unternehmen bereits viele Anhänger gefunden. Prominentes Beispiel ist der Vorsitzende des BMW-Aufsichtsrats Norbert Reithofer, der mit Meditationsübungen Achtsamkeit trainiert.

Auch der Konzern SAP orientiert sich am Trend aus dem Silicon Valley und bietet seinen Mitarbeitern kostenlose Weiterbildungen zum Thema Achtsamkeit an. Dies soll ihre Fähigkeit zur Selbstregulierung stärken und ihre Motivation steigern.

Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF hat sogar ein eigenes Mitarbeiterzentrum errichtet, wo täglich etwa 600 Angestellte meditieren – allen voran Führungskräfte.

Andere Unternehmen wie der Technikkonzern ABB in Mannheim stellen den Beschäftigten einen Raum zur Verfügung, in dem sie sich einmal pro Woche zur gemeinsamen Meditation treffen, Atemübungen machen und die Wahrnehmung für den Moment schärfen.

Viele weitere Konzerne wie Bosch oder Continental, zunehmend aber auch mittelständische Unternehmen, haben Achtsamkeit für sich entdeckt und bieten spezielle Weiterbildungen, Trainings oder Gruppen an.

Doch Achtsamkeitstraining besteht – zumindest im Idealfall – nicht allein aus Seminaren oder Meditationsgruppen. Es geht auch um den Umgang mit den Anforderungen, die der Berufsalltag an heutige Berufstätige stellt. Bei Beiersdorf zum Beispiel gilt die Vereinbarung, dass die Beschäftigten nur dreimal pro Tag ihre E-Mails abrufen. Nach Feierabend und am Wochenende sind die Nachrichten tabu.

Achtsamkeit als Herausforderung für die Unternehmenskultur

Damit ist bereits ein kritischer Punkt angesprochen: Denn Achtsamkeit erfordert, so sie denn langfristig wirksam sein soll, regelmäßige Übung und Anwendung, auch über die Arbeit hinaus. Punktuell durchgeführte Trainings würden da deutlich zu kurz greifen. Wenn Unternehmen Achtsamkeitstrainings anbieten, sollte es immer das Ziel sein, langfristige Veränderungsprozesse anzuregen. Dies kann jedoch nur dann funktionieren, wenn eine achtsame Haltung in die Unternehmenskultur als ganze integriert wird. Schließlich sind Gewohnheiten und eingefahrene Routinen oft hartnäckig. Wenn sich nur wenige Mitarbeiter in Achtsamkeit üben, bringt das vielleicht dem Einzelnen etwas Entlastung. Doch viele Probleme, die dem Team zu schaffen machen, haben strukturelle Ursachen.

Insofern ist Achtsamkeit eine Aufgabe für Führungskräfte – auch deshalb, weil dem Achtsamkeitsansatz bisweilen immer noch das Image des Esoterischen anhaftet. Vorgesetzte sollten daher mit eigenem Beispiel vorangehen, um solche Bedenken auszuräumen. Achtsamkeitstrainer geben allerdings zu bedenken: Wenn Führungsverantwortliche die Methode nur einsetzen wollen, um die Produktivität zu steigern, verfehlen die Übungen ihr eigentliches Ziel – nämlich den einzelnen Mitarbeitern, aber auch dem Unternehmen insgesamt zu einem bewussteren Umgang mit der Arbeitsbelastung zu verhelfen.

Ein entscheidender Vorteil von Achtsamkeit in Unternehmen: Die Beschäftigten können sich nach dem gemeinsamen Training auch im Arbeitsalltag immer wieder gegenseitig an einen bewussteren Umgang mit der eigenen Leistungsfähigkeit – und deren Grenzen – erinnern. So berichten etwa manche Unternehmen von guten Erfahrungen damit, vor einem Meeting eine kurze gemeinsame Meditation durchzuführen. Dies verbessere den Umgang miteinander und erhöhe die Konzentration auf den gemeinsamen Austausch deutlich.

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Achtsamkeit in der Praxis

Wie kann Achtsamkeit im Berufsleben konkret aussehen? Die folgenden Beispiele können als Anregung dienen:

1. Konzentration auf einzelne Aufgaben

Es klingt wie eine Binsenweisheit, doch wer sich mit einer täglichen E-Mail-Flut konfrontiert sieht, kann nachvollziehen, wie schwer die konkrete Umsetzung ist: Konzentrieren Sie sich nur auf die Aufgabe, mit der Sie gerade beschäftigt sind. Gehen Sie beim Telefonat oder Meeting nicht gedanklich Ihre To-Do-Liste durch, lesen Sie nicht die Post oder E-Mails und schauen Sie nicht auf das Smartphone.

2. Öfter mal offline

Ähnlich wie beim ersten Punkt kommt es hier auf die Reduzierung der „Aufmerksamkeitsfresser“ an: Schalten Sie in Meetings Ihr Smartphone aus – am besten nehmen Sie es gar nicht erst mit. Trennen Sie zudem strikt Arbeits- und Freizeit: Gewöhnen Sie sich einmal an, nach Feierabend und am Wochenende keine dienstlichen E-Mails mehr zu checken. Möglicherweise ist es dafür notwendig, E-Mail-Weiterleitungen auf Ihr Handy zu deaktivieren.

3. Die Umgebung bewusst wahrnehmen

Viele Dinge nehmen wir im Alltag gar nicht mehr wahr. Probieren Sie doch einmal, sich auf dem Weg zur Arbeit bewusst statt auf Ihre Zeitung oder Smartphone einmal auf die Umwelt zu konzentrieren. Welche Geräusche nehmen Sie wahr, welche Gerüche? Was können Sie beobachten, wenn Sie einmal langsamer gehen oder einen kleinen Umweg nehmen? Wichtig dabei: Versuchen Sie, nur zu beschreiben, was Sie in der Außenwelt und in Ihrem Inneren wahrnehmen – und bewerten Sie dies nicht. Sonst verstricken Sie sich womöglich schnell wieder in alte Muster und ärgern sich zum Beispiel über jede noch so winzige Kleinigkeit.

Extra-Tipp: Mindful Lunches

Das Silicon Valley macht es vor, allen voran Suchmaschinenriese Google. Auf dem Campus des Unternehmens verbringen die Mitarbeiter einmal im Monat ihr Mittagessen schweigend – eine beliebte Art, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen und die innovative Unternehmenskultur zu pflegen.

Achtsamkeit per App

Dass Achtsamkeit ein lukrativer Markt sein kann, haben inzwischen auch einige App-Entwickler entdeckt. Das muss nicht per se negativ sein, und ob die Apps hilfreich sind, ist sicher auch eine Typfrage. Ein vollständiges Training unter fachmännischer Anleitung können sie vermutlich nicht ersetzen. Dennoch können die Anwendungen Anfängern womöglich den Einstieg in die Meditation erleichtern oder hilfreich sein, um mehr Routine in gewissen Übungen zu bekommen. Hier einige Beispiele:

1. Calm

Die App setzt auf die beruhigende Wirkung von Naturgeräuschen, etwa Regenprasseln und Wellenrauschen sowie Meditationsmusik. Die Sessions dauern zwischen zwei und 60 Minuten.

2. Mindfulness Daily

Die App versteht sich als Meditationsbegleiter durch den Tag: Eine Einstimmungsmeditation am Morgen, mittags ist Entspannung angesagt und abends werden Nutzer zur Reflexion des Tages angeleitet.

3. Headspace

Diese Anwendung führt Nutzer an die Meditation heran, richtet sich also (auch) an Einsteiger. Geht es nach den Entwicklern, verbessert die regelmäßige Übung Ihren Umgang mit Emotionen und verbessert Ihre Stimmung insgesamt.

Achtsamkeit: Erholung, nicht Effizienz in den Fokus rücken

Egal, ob per App oder in einem betrieblich organisierten Achtsamkeitstraining: Soll die Methode ihre volle Wirkung entfalten, muss sie regelmäßig praktiziert werden. Auch wenn im Idealfall möglichst viele Mitarbeiter in die achtsame Unternehmenskultur eingebunden werden: Vermutlich ist es meist einfacher, zunächst auf Teamebene mit weniger Mitarbeitern anzusetzen. Die Übungen und Empfehlungen selbst scheinen oftmals recht einfach zu sein, vergleichsweise schwierig ist es jedoch, die eingefahrenen Routinen durch neue Gewohnheiten zu ersetzen.

Führungskräfte sollten eine Vorreiterrolle spielen, wenn sie Achtsamkeit in den Arbeitsalltag integrieren möchten. Wichtig ist dabei, dass die Methode nicht als Mittel zur Effizienzsteigerung missverstanden wird, sondern tatsächlich dem Wohlbefinden der Mitarbeiter und damit dem Unternehmen insgesamt dient. Andernfalls könnten Firmen erleben, wozu eine bessere Selbstwahrnehmung der Mitarbeiter auch führen kann: Dass diese sich schlicht und ergreifend nach einem anderen, weniger stressigen Job umsehen.

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