Europas Vielfalt: Sind diese Sprachen bald ausgestorben?

Berlitz -

Die Zahlen sind erstaunlich: Allein in Europa werden etwa 200 unterschiedliche Sprachen gesprochen, weltweit sogar über 7.000. Doch viele davon gelten als bedroht. Aufgrund von Globalisierung und Vernetzung werden Weltsprachen wie Englisch, Spanisch oder Chinesisch international immer wichtiger, während besonders regionale Dialekte kurz vor dem Aussterben stehen. Wir stellen euch einige seltene Sprachen Europas vor, die hoffentlich noch lange überleben werden.

Bedroht oder ausgestorben? Eine Klassifizierung der UNESCO

Weltweit gelten etwa 3.000 Sprachen als bedroht. Damit sie lebendig bleiben, müssen sie von Generation zu Generation weitergegeben und im Alltag genutzt werden. Die UNESCO ordnet die Gefährdung in vier Kategorien ein:

  • potentiell gefährdet: Die Sprache wird von den meisten Kindern der Sprechergruppe gesprochen, allerdings nur in bestimmten, nicht-öffentlichen Umgebungen wie dem eigenen Zuhause.
  • gefährdet: Die Kinder lernen sie nicht mehr als Muttersprache von ihren Eltern.
  • ernsthaft gefährdet: Die Sprache wird nur noch von der Generation der Großeltern gesprochen. Die Elterngeneration versteht sie in der Regel noch, nutzt sie im Alltag jedoch nicht.
  • extrem gefährdet/moribund: Nur noch Großeltern sprechen die Sprache, allerdings nur noch in Teilen und selten.

Gibt es keinerlei lebende Sprecher mehr, handelt es sich um eine tote Sprache. Die UNESCO geht davon aus, dass jedes Jahr etwa vier Mundarten aussterben und am Ende des 21. Jahrhunderts nur noch die Hälfte aller heute lebenden Sprachen existieren werden. Ein Atlas der UNESCO gibt eine interaktive Übersicht über alle weltweit gefährdeten Sprachen.

Bedrohte Sprachen in Europa

Sorbisch - gefährdet

Die zweisprachigen Ortsschilder in der Lausitz künden von den rund 60.000 Sorben, die im östlichsten Zipfel Deutschlands und in Teilen Polens leben. Das Sorbische entstammt aus dem Slawischen und ist eng mit dem Polnischen und Tschechischen verwandt. Obwohl die Zahl der aktiven Sprecher nur noch auf 7.000 geschätzt wird, ist die Sprache im Alltag durch Verkehrsschilder, Radiosendungen und sorbische Schulen präsent. Sie gilt daher zwar als gefährdet, aber relativ stabil. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Sorbisch das 21. Jahrhundert überdauern wird.

In diesem Video wird die Kultur der Sorben vorgestellt:

Nordfriesisch - ernsthaft gefährdet

Das Friesische entzieht sich gerne jeder Einordnung, insbesondere das Nordfriesische: Ob Insel oder Festland, nahe Husum oder nördlich Richtung dänischer Grenze existieren mindestens zehn anerkannte Dialekte mit teils extrem unterschiedlichen Ausprägungen. Einen gewissen Stolz auf die eigene Mundart ist jedem der rund 10.000 Sprecher eigen, doch trotz großer Ähnlichkeit mit dem Niederländischen und Englischen haben sich die Nordfriesen ihre Vielfalt bewahrt. Heute ist die Sprache auch bei jungen Menschen wieder höher angesehen und Zeichen regionaler Zugehörigkeit. Hören Sie hier in ein Sprachbeispiel rein, in dem auch die norddeutsche Aussprache deutlich hörbar ist.

Aragonesisch - gefährdet

Während Aragonesisch im 13. Jahrhundert in Spanien etwa so weit verbreitet war wie heute das Katalanische, wird es mittlerweile nur noch von rund 10.000 Menschen aktiv gesprochen und von etwa 50.000 passiv verstanden. Die Einführung des Spanischen als offizielle Amtssprache im 16. Jahrhundert führte zu einer Zurückdrängung bis in die Hochtäler der Pyrenäen. Private Sprachkurse und Zeitschriften halten die Mundart am Leben und auch die Regierung der autonomen Region versucht die Sprache aktiv zu schützen.

Bretonisch - ernsthaft gefährdet

Das Bretonische kam mit Flüchtlingen und Einwanderern aus England und Wales in die französische Region der Bretagne und ist die einzige keltische Sprache außerhalb der britischen Inseln. Noch in den 1950er Jahren sprachen wohl 1.200.000 Menschen Bretonisch, diese Zahl sank aufgrund von politischer und gesellschaftlicher Diskriminierung jedoch drastisch, da immer mehr Familien ihre Kinder auf Französisch erzogen. Heute soll es Schätzungen zufolge noch über 200.000 Sprecher geben. Das hohe Alter vieler Muttersprachler lässt darauf schließen, dass Bretonisch bald zu den ausgestorbenen Sprachen gehören wird.

Inarisamisch - ernsthaft gefährdet

Im Norden Lapplands, genauer in der Gemeinde Inari auf dem Staatsgebiet des heutigen Finnlands, sprechen noch etwa 250 Menschen die inarisamischen Dialekte. Das indigene Volk der Samen lebte jahrhundertelang von der Rentierzucht, heute sind sie vielfach im Tourismus oder der Forstwirtschaft tätig. Wie so oft bei bedrohten Sprachen waren auch beim Inarisamischen politische Repressionen der Grund für den langsamen Niedergang des Dialekts. Ein samischer Nationalfonds will dem entgegenwirken und fördert unter anderem Kulturprojekte und Musikveranstaltungen in der beinahe ausgestorbenen Sprache.

Der Reichtum fremder Sprachwelten

Besonders die Mundarten und Dialekte indigener Völker oder kleiner Volksgemeinschaften werden in den kommenden Jahrzehnten immer seltener. Doch es lohnt sich, diese Sprachen und die damit verbundene Kultur zu bewahren, da sie eine selten geahnte Sichtweise auf die Welt ermöglichen. So gibt es Sprachen, deren Verbform sich am Wahrheitsgehalt des Gesagten orientiert und sich unterscheidet, ob man die Handlung selbst gesehen oder lediglich davon gehört hat. Andere wiederum kennen kein rechts und links. Statt den Menschen ins Zentrum der Raumbezeichnungen zu rücken, sprechen sie grundsätzlich von Himmelsrichtungen und offenbaren damit eine vollkommen andere Raumwahrnehmung und Orientierung als in unserer Gesellschaft. Diese oftmals bedrohten Sprachen zu bewahren, ist daher unbedingt erstrebenswert.

Übrigens: Selbst in Deutschland gibt es viele, oft unbekannte und teilweise gefährdete Sprachen und Dialekte. Diese deutschen Mundarten sind dabei besonders beliebt.

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