Mut zum Mitgestalten: Warum Mitarbeiter mehr Verantwortung tragen sollten

Berlitz

Verantwortung spielt im Berufsleben eine große Rolle. Doch welche Aspekte gehören zu diesem vielschichtigen Begriff? Klar ist: Das Thema betrifft Führungskräfte, in zunehmendem Maße jedoch alle Mitarbeiter. Oft ist es allerdings gar nicht so einfach, Verantwortung in Unternehmen zu übernehmen. Warum Führungskräfte ihre Mitarbeiter jedoch unbedingt dazu ermutigen sollten und welche Ansatzpunkte sie dafür haben – das beleuchten wir im folgenden Artikel.

Verantwortung – zwischen Schuld und Selbstbewusstsein

Der Begriff Verantwortung hat mehrere Bedeutungen. Einer neutralen Definition nach lässt sich grundsätzlich unterscheiden zwischen einer Verantwortung, die sich auf die Vergangenheit bezieht, und einer, die Zukünftiges im Blick hat.

Im ersten Fall ist Verantwortung das „Geradestehen für Geschehenes“: Ein Kunde ist unzufrieden mit der Arbeitsleistung, ein wichtiges Projekt läuft nicht wie geplant, oder die entscheidende Präsentation misslingt, sodass es nicht klappt mit dem wichtigen Auftrag. In all diesen Situationen tritt schnell die Frage auf, wer dafür eigentlich verantwortlich ist. In diesem Sinne bedeutet Verantwortung: Wer trägt die Schuld am Scheitern – und wer kann dafür zur Verantwortung gezogen werden?

Im zweiten Fall ist mit Verantwortung gemeint, dass eine Person durch ihr eigenes Handeln dazu beiträgt, dass eine Entwicklung einen positiven Verlauf nimmt. Skeptiker werden zwar bisweilen als etwas lästige „Bedenkenträger“ wahrgenommen. Doch zum Begriff Verantwortung übernehmen gehört auch, Entwicklungen zu hinterfragen, die dem Unternehmen schaden könnten. Bei hohen Investitionen in neue Maschinen wäre es zum Beispiel fahrlässig, wenn der Produktionsleiter seine Bedenken nicht formulieren würde.

Zunehmende Vernetzung erfordert mehr Verantwortung jedes Einzelnen

Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich heutige Berufstätige, ganz gleich, ob Führungskraft oder Angestellter. Und tatsächlich sind in einer zunehmend vernetzten Arbeitswelt alle Beteiligten gefragt, wenn es um Verantwortung geht. Die Zeiten, in denen überwiegend Abteilungsleitungen oder Geschäftsführer für die Qualität der Arbeitsergebnisse zuständig waren, gehören in vielen Branchen der Vergangenheit an. Angesichts globaler Konkurrenz steigt der Druck zu innovativen, kreativen und effizienten Leistungen – Unternehmen erreichen dies auch dadurch, dass sie den einzelnen Mitarbeitern mehr Verantwortung geben und dadurch deren Talente und Fähigkeiten besser zur Geltung kommen lassen.

Das Arbeitspensum ist oftmals auf immer weniger Personen verteilt und Arbeitsprozesse sind bei zunehmender Teamarbeit heute mehr denn je voneinander abhängig. Stiehlt sich dabei jemand aus der Verantwortung, betrifft das nicht nur die eigene Abteilung, sondern gefährdet gleich den gesamten Prozess. Insofern wächst mit der Vernetzung auch die Notwendigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln. Doch was verhindert eigentlich, dass Angestellte mehr Eigenverantwortung übernehmen (können)?

Angst vor Fehlern, starre Hierarchien, Potenzial verschenken

Einer der wesentlichen Faktoren dafür, dass sich Menschen im Job scheuen, Verantwortung zu übernehmen, ist die Angst vor Fehlern. Wer bei jedem Missgeschick um seinen Job oder zumindest eine Standpauke des Vorgesetzten fürchten muss, wird sich kaum trauen, Dinge einfach mal auszuprobieren. Dabei kann es die Innovationskraft in Unternehmen um ein Vielfaches steigern, wenn Mitarbeiter Ideen entwickeln und schnell testen – dank agiler Methoden wie Scrum oder Kanban muss dies nicht einmal mit höheren Kosten verbunden sein.

Oft verhindern Führungskräfte eher unbewusst, dass ihre Mitarbeiter Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen. Schließlich herrscht vielerorts noch die klassische Ansicht vor, dass Vorgesetzte vor allem deshalb besser bezahlt werden, weil sie eine größere Verantwortung tragen. Das ist zwar zum Teil richtig. Doch moderne Führung – Stichwort Führen 4.0 – zeichnet sich dadurch aus, dass Vorgesetzte die Fähigkeiten von Einzelpersonen und Teams so fördern und zusammenbringen, dass am Ende das bestmögliche Ergebnis erreicht wird.

Wenn Chefs keine Aufgaben delegieren, enthalten sie Mitarbeitern zudem wichtige Informationen vor und verhindern, dass diese sich im Unternehmen weiterentwickeln können – oder wollen: Denn wer sich chronisch unterfordert fühlt, wird entweder krank („Bore-out-Syndrom“) oder sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Und das ist in Zeiten, in denen Unternehmen um qualifizierte Talente wetteifern, keine gute Strategie, um Mitarbeiter langfristig an die Firma zu binden.

Wie Unternehmen Verantwortungsbewusstsein fördern können

Dass Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen, ist in vielen Fällen eine Aufgabe der Führungskräfte. Oft fürchten sie jedoch den Kontrollverlust. Dabei schließen sich das Delegieren von Aufgaben und die Verantwortung nicht aus. Hilfreich dabei sind klare Absprachen. Besprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern z. B.

  • bis wann eine Aufgabe erledigt sein soll
  • wie Zwischenschritte / -ergebnisse aussehen könnten
  • welche Dinge der Mitarbeiter selbst entscheiden darf und wo Sie sich Rücksprache wünschen

Ebenso wichtig ist regelmäßiges und konstruktives Feedback. Schließlich können Mitarbeiter nicht aus Fehlern lernen, wenn sie ständig Angst vor Kritik haben müssen. Eine aktuelle Studie zeigt sogar, dass gerade einmal die Hälfte (56 Prozent) aller Mitarbeiter im vergangenen Jahr überhaupt einmal eine Rückmeldung vom Chef erhalten haben. Regelmäßiges Feedback bekommen gerade einmal 14 Prozent, und nur vier von zehn Beschäftigten geben an, dass das Gespräch ihnen dabei geholfen habe, einen besseren Job zu machen.

Wer für seine Leistungen nicht anerkannt wird, wird mit der Zeit mehr und mehr die Lust am Job verlieren – und sich folglich auch kaum verantwortlich für den Erfolg des Unternehmens insgesamt fühlen. Absolutes No-Go: Wenn Vorgesetzte sich die Leistungen von Mitarbeitern als eigenes Verdienst ans Revers heften. Dies lässt sich im Zweifelsfall wohl kaum verhindern. Angestellte können dem jedoch möglicherweise zuvorkommen, indem sie nicht für Missgeschicke und Fehler Verantwortung übernehmen, sondern auch für ihre Leistungen – und diese auch sachlich kommunizieren.

Verantwortung fürs Unternehmen übernehmen – und für sich selbst

Ob Angestellte Verantwortung für ihre eigene Arbeit übernehmen können bzw. wollen, hängt jedoch nicht allein von der Unternehmenskultur ab. Auch die Erfahrung spielt dabei eine große Rolle. So fällt es vielen gerade am Anfang des Berufslebens nicht leicht, zur eigenen Arbeitsleitung zu stehen. Denn oftmals sind in dieser Phase die eigenen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit und die Angst vor Fehlern sehr groß. Wo können Unternehmen ansetzen, um dies zu mildern?

In der Regel werden Führungskräfte dem Uni-Absolventen nicht die Projektleitung für einen wichtigen, internationalen Kunden anvertrauen. Umgekehrt sollten sie unerfahrene Mitarbeiter jedoch auch nicht nur einfache Routineaufgaben geben. Schließlich wäre dies leicht zu verstehen als das Signal: „Sie erhalten keine Chance von mir und werden es hier nicht weit bringen.“ Besser wäre es demgegenüber, Mitarbeiter regelmäßig um eigene Ideen und Feedback zu bitten und sie mit klar umrissenen Aufgaben in Projekte einzubinden. Dies gilt für junge, motivierte Angestellte, die sich beweisen wollen – aber auch für ältere Kollegen, deren Erfahrung ein wertvoller Schatz fürs Unternehmen ist.

In Zeiten steigender Arbeitsbelastung ist zudem immer wichtiger, auch in gesundheitlicher Hinsicht Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Denn wer regelmäßig seine Energiereserven voll ausschöpft, läuft Gefahr, an Burn-out oder einer Depression zu erkranken – und dadurch im schlimmsten Fall für längere Zeit arbeitsunfähig zu sein. Um dies zu vermeiden, sollten Berufstätige gleich welcher Ebene durchaus auch einmal eine zusätzliche Aufgabe freundlich, aber bestimmt ablehnen. Aus Furcht vor Konflikten oder der Angst, als „Drückeberger“ zu gelten, scheuen viele jedoch diesen Schritt – und geben möglicherweise lieber anderen oder den Umständen die Schuld, wenn sie sich überlastet fühlen.

Mit Mut zum Erfolg

Unternehmen sowie Einzelpersonen sollten sich um eine Kultur bemühen, die nicht von Angst, sondern von Mut und Ermunterung geprägt ist. Der Einzelne gewinnt dadurch größeren Handlungsspielraum und damit auch mehr Zufriedenheit im Job. Unternehmen schaffen so die Rahmenbedingungen für kooperatives, innovatives Handeln, bei dem der gemeinsame Erfolg im Vordergrund steht – und für den sich jeder einzelne Mitarbeiter verantwortlich fühlt. Klar: Wer Verantwortung für sich und andere übernimmt, macht sich in gewissem Maße angreifbar. Aber er erhält auch die Chance zum Wachstum – und damit übrigens auch zu besseren Karriereaussichten.

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