Beamtendeutsch verstehen: Kurioses über die Sprache der Bürokratie

Berlitz

Sie hören Amtsdeutsch und verstehen nur Bahnhof? Nicht nur Sprachanfänger, sondern auch deutsche Muttersprachler machen diese Erfahrung. Kein Wunder, denn Deutschland ist bekannt für seine akribische Bürokratie, die einem mit Worten wie „Fahrtrichtungsanzeiger“ oder „Spontanvegetation“ manchmal das Leben schwer macht. Wir wollen sowohl Deutsch-Neulingen als auch Menschen, die die Sprache von klein auf gelernt haben, beim Entschlüsseln des Beamtendeutsch helfen.

Papierdeutsch und dessen Besonderheiten

Jeder, der schon mal einen Behördenbrief in der Hand hatte, hat die Eigenheiten des Amtsdeutsch bereits schwarz auf weiß kennengelernt. Auch Anwälte nutzen diese Art zu formulieren, damit die Inhalte juristischen Maßstäben standhalten können. Wir verraten, wie diese Formulierungen aussehen und warum sie einen manchmal auch erheitern können.

Grammatikalische Merkmale

Das Ziel der Verwaltungssprache ist die absolute Präzision einer Aussage oder Angabe. Das endet meist in grammatikalischen Konstruktionen mit verschachtelten Sätzen, in denen mehr Substantive als aktive Verben vorkommen und die Passiv-Form dominiert. Da diese Art zu formulieren häufig im Schriftverkehr von Ämtern genutzt wird, nennen viele Menschen es umgangssprachlich Beamtendeutsch. Laut Duden heißt es auch Papierdeutsch.

Tipps für mehr Verständlichkeit:

  • Versuchen Sie, die Substantive in Verben umzuwandeln: „Klage erheben“ wird zu „klagen“ oder aus „Aufhebung“ wird „rückgängig machen“. Auf diese Weise vereinfachen Sie die Struktur des Satzes.
  • Auch viel verwendete Passiv-Konstruktionen können auf diese Weise dekodiert werden, zum Beispiel bedeutet „Es muss der Nachweis erbracht werden …“ eigentlich „Sie müssen nachweisen …“.

Amtsdeutsch mit Humor nehmen

Über die teilweise absurden Ausmaße der Behördensprache lässt sich auch ganz gut lachen: Als köstliche Parodie des Bürokratendeutsch erschien bereits 1984 das damals allseits bekannte Märchen „Rotkäppchen“ – auf Beamtendeutsch. Hier ist zum Beispiel die Rede von der noch unbeschulten Minderjährigen, die durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsmäßig Rotkäppchen genannt wird.* Nur zu empfehlen!

*(Quelle: Thaddäus Troll, Zeit Nr. 52/1984)

Verrückte Beispiele aus dem Beamtendeutsch

Die Sprache der Bürokratie hat einige Kuriositäten hervorgebracht. Folgende absurde Begrifflichkeiten könnten Sie in Ihrem nächsten Schreiben vom Amt erwarten:

  • nicht lebende Einfriedung
    = Zaun
  • raumübergreifendes Großgrün
    = Baum
  • Beelterung
    = Pflegefamilie vermitteln
  • Deutscher Staatsbürger anderweitiger Nationalität
    = eingebürgerter Ausländer
  • Lautraum
    = Diskothek
  • Gelegenheitsverkehr
    = Taxis und Mietwägen
  • Grundstücksentwässerungsanlage
    = Regenrinne
  • Einachsiger Dreiseitenkipper
    = Schubkarre
  • Versagung
    = Ablehnung
  • Anleiterbarkeit
    = Möglichkeit, eine Leiter an ein Fenster zu lehnen
  • Luftverlastung
    = Hubschraubertransport
  • Restmüllbeseitigungsbehälterentleerung
    = Abholung durch die Müllabfuhr
  • Personenvereinzelungsanlage
    = Drehkreuz
  • Grüngutsammelplatz
    = Komposthaufen
  • Mehrstück
    = Kopie
  • Bedarfsgesteuerte Fußgängerfurt
    = Ampel
  • Lebensberechtigungsbescheinigung
    = Stammbuch
  • Bestallung
    = Vormundschaft

Amtsdeutsch – wenn Genauigkeit für Verwirrung sorgt

Die Genauigkeit des Beamtendeutsch sorgt ironischer Weise häufig dafür, dass selbst deutsche Muttersprachler sich vor Verwirrung an den Kopf fassen. Zum Glück sind Mitarbeiter in Ämtern in der Regel gerne bereit, ratlosen Amtsgängern den Weg durch den Dschungel des Papierdeutsch zu erklären.

Deutschland hat neben der Bürokratie noch ganz andere Eigenheiten auf Lager. Erfahren Sie mehr darüber in unserem Blogbeitrag „Typisch Deutsch“.

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