Mobbing am Arbeitsplatz und wie Betroffene aus der Opferrolle herauskommen

Berlitz

Die Kollegen lästern, der Chef leitet wichtige E-Mails nicht weiter oder macht Mitarbeiter vor anderen lächerlich – ist das noch unfaires Verhalten oder schon Mobbing? Die Grenzen sind fließend. Fest steht aber: Mobbing am Arbeitsplatz kann gravierende Konsequenzen haben. Betroffene entwickeln mitunter psychische Erkrankungen, werden arbeitsunfähig oder kündigen; Unternehmen verlieren Mitarbeiter und bares Geld. Im folgenden Artikel beschreiben wir, woran man Mobbing erkennt – und was betroffene Mitarbeiter dagegen unternehmen können.

Ist es ein Konflikt im Team oder schon Mobbing?

Im Einzelfall ist es schwierig festzustellen, wann Tratsch und Konflikte unter Kollegen zu Mobbing am Arbeitsplatz werden. Gleichwohl definieren Juristen Bedingungen, die erfüllt sein müssen: Es muss eine Täter-Opfer-Konstellation geben und das Verhalten muss über einen längeren Zeitraum erfolgen. Außerdem muss es systematisch sein und darauf abzielen, Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu verletzen oder deren Gesundheit zu schaden. Typisch ist zudem, dass immer eine bestimmte Person Ziel der Attacken ist. Gehen die Schikanen hauptsächlich von Vorgesetzten aus, ist auch von „Bossing“ die Rede.

Wie sich Mobbing bei der Arbeit äußern kann

  • Gerüchte streuen, Sticheln und Lästern: „Ist dir auch schon aufgefallen, dass Kollegin Müller abgenommen hat? Vielleicht ist sie magersüchtig. Ist aber nur ein Verdacht, sag’s nicht weiter.“ Solche und andere Bemerkungen können dazu führen, dass sich Kollegen gegenüber anderen reserviert verhalten oder sie – bewusst oder unbewusst – ausgrenzen. Manchmal beginnen massive Schikanen im Job mit scheinbar kleinen Sticheleien.
  • Informationen vorenthalten: Wenn ein Mitarbeiter wichtige E-Mails nicht erhält oder zu Meetings nicht eingeladen wird, kann er seinen Job nicht gut erledigen. Geschieht dies wiederholt und mit der Absicht, den Kollegen vor Vorgesetzten oder Kunden in ein schlechtes Licht zu rücken, kann es sich bereits um Mobbing handeln.
  • Schlechtmachen vor anderen: Die eigentlich gute Arbeit von Kollegen bewusst schlecht darstellen – auch so kann sich das schikanierende Verhalten am Arbeitsplatz zeigen.

Drastische Folgen für Unternehmen

Schikanierendes Verhalten am Arbeitsplatz kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen. Aber wie viele Menschen sind in deutschen Unternehmen eigentlich davon betroffen?

Studien gehen davon aus, dass die Mobbingquote in Deutschland bei knapp 3 Prozent liegt. Bei etwa 40 Millionen Beschäftigten leiden also ca. 1,3 Millionen Menschen unter Schikanen am Arbeitsplatz. Betroffene haben häufig mit erheblichen Konsequenzen zu kämpfen: körperliche und seelische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Existenznöte durch Arbeitsplatzverlust – mehr als jedes zehnte Opfer bezeichnet sich selbst sogar als suizidgefährdet.

Auch für Unternehmen sind die Folgen drastisch: Neben schlechtem Arbeitsklima müssen sie mit häufigem Arbeitsausfall durch Fehlzeiten und Krankheitstage rechnen. Schätzungen gehen von ca. drei Milliarden Euro Verlust aus, die deutschen Unternehmen pro Jahr entstehen.

Was Betroffene bei Mobbing am Arbeitsplatz tun können: 4 Strategien

Mobbing entsteht nicht selten aus einer Konfliktsituation, die zu regelmäßiger Schikanierung oder der zunehmenden Ausgrenzung der Betroffenen führt. Daraus resultieren Verunsicherung und Ängste, das Opfer arbeitet deshalb schlechter. Konsequenzen sind Abmahnungen, Versetzungen oder sogar Kündigungen.

Wie lassen sich solche drastischen Folgen vermeiden? Wir stellen vier mögliche Strategien vor. Welche am besten geeignet ist, hängt vom Einzelfall und der Persönlichkeit der Betroffenen ab. Die Strategien lassen sich zudem kombinieren.

Strategie 1: Unterstützung suchen

Sehen sich Betroffene als Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz, sollten sie sich so schnell wie möglich Hilfe suchen. Denn häufig lässt sich das Problem nicht einfach im Gespräch zwischen den Beteiligten lösen.

Im ersten Schritt können vertraute Kollegen unterstützen. Betroffene können sie auf das Problem aufmerksam machen und sie bitten, den Mobbern gemeinsam entgegenzutreten. Hilft dies nicht, sollten sie sich an die zuständigen Personen oder Abteilungen im Unternehmen wenden. Das können Vorgesetzte sein – sofern diese nicht selbst die Mobber sind: Schätzungen gehen davon aus, dass in mindestens der Hälfte aller Fälle Chefs ihre Mitarbeiter schikanieren. Alternativ stehen Personalabteilung und Betriebsrat als Ansprechpartner zur Verfügung.

Ist das Vertrauen in die unternehmensinternen Stellen bereits zu stark erschüttert, kann auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit (rechtlicher) Beratung unterstützen oder an geeignete Stellen vor Ort verweisen. Hilfreich kann es zudem sein, sich durch Unterstützung eines Psychologen mit der Situation auseinanderzusetzen.

Strategie 2: Gegenwehr leisten

Laufen einzelne Mitarbeiter Gefahr, Opfer von gezielten Attacken zu werden, können sie versuchen, zum „Gegenangriff“ überzugehen. Konkret können sie Verbalattacken mit schlagfertigen Bemerkungen kontern, das Verhalten der Kollegen anprangern und klar signalisieren, dass sie sich das nicht gefallen lassen. Manchmal hilft bereits das offene Gespräch unter vier Augen mit dem Mobber. Schließlich ist manchen Kollegen nicht bewusst, welche Auswirkungen ihre Sprüche und ihr Verhalten auf andere haben.

Hilft dies nicht, sollten Betroffene das Problem vor Kollegen ansprechen, die auch als Zeugen dienen können, sollte es zu juristischen Auseinandersetzungen kommen. Opfer sollten das Mobbingverhalten unbedingt sorgfältig dokumentieren und Beweise sammeln.

Strategie 3: Angriffe ignorieren

Manchmal kann es auch die beste Strategie sein, sich nicht von den Kollegen einschüchtern zu lassen und böse Bemerkungen einfach zu ignorieren. Studien legen nahe, dass etwa ein Drittel aller Mobber ohne besonderen Grund, „einfach aus Spaß“, ihre Mitmenschen schikanieren.

Gehen Betroffene nicht auf die vermeintlichen Späße ihrer Kollegen ein, verhindern sie womöglich, dass diese sich gegenseitig aufschaukeln und die Situation eskaliert. Bewirken die Mobber nicht die beabsichtigte Reaktion, verlieren sie womöglich schnell das Interesse an ihrem Opfer. Bisweilen ist es die beste Strategie, Angriffe einfach souverän an sich vorüberziehen zu lassen.

Strategie 4: Rückzug antreten

Auch der Wechsel in eine andere Abteilung oder an einen anderen Standort des Unternehmens kann unter Umständen sinnvoll sein. Ist dies nicht möglich und sind alle Versuche, das Problem innerhalb des Unternehmens zu lösen, gescheitert, sollten Mobbingopfer darüber nachdenken, in ein anderes Unternehmen zu wechseln.

Mitunter bleiben Betroffene zu lange in der für sie schädlichen Situation, weil sie eine Kündigung als persönliche Niederlage empfinden würden. So verständlich es ist, dass sie den Mobbern ihren „Sieg“ nicht gönnen wollen: Sie sollten vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen und ihre seelische und körperliche Gesundheit in den Fokus rücken – und dazu kann es notwendig sein, sich einen anderen Arbeitsplatz mit netten Kollegen zu suchen.

Unternehmen müssen Mobbing bei der Arbeit bekämpfen

Mobbing am Arbeitsplatz ist unbedingt zu vermeiden, denn Arbeitgebern drohen erhebliche finanzielle Verluste und massive Imageschäden. Unternehmen sind sogar durch das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet dagegen vorzugehen. Am besten werden sie jedoch nicht erst dann aktiv, wenn Mitarbeiter Fälle melden, sondern beugen gezielt vor. Dazu braucht es geeignete Prozesse, um Konflikte zwischen Mitarbeitern frühzeitig zu erkennen und zu klären. Auch muss die Arbeit so organisiert sein, dass es nicht zu extremer Leistungsverdichtung und enormer psychischer Belastung der Mitarbeiter kommt. Empfehlenswert sind zudem Betriebsvereinbarungen gegen Mobbing am Arbeitsplatz und die Benennung von (internen oder externen) Ansprechpartnern, an die sich Betroffene wenden können. Einer der wichtigsten ersten Schritte ist es allerdings, das Thema nicht zu ignorieren und offen darüber zu sprechen – für Unternehmen und Mitarbeiter gleichermaßen.

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