Stress am Arbeitsplatz reduzieren: Ursachen, Auslöser, Gegenmittel

Berlitz -

Stress aktiviert Körper und Geist. Die Anspannung macht uns leistungsfähig und sorgt für zusätzliche Energie, wenn wir sie brauchen. Stress ist also nützlich – es sei denn, er wird zum Dauerzustand. Dann belastet er Arbeitnehmer und bringt auch Unternehmen wirtschaftliche Nachteile. Welche Tipps und Strategien vom Dauerstress entlasten, erklären wir im folgenden Artikel.

Nervenzellen in Alarmbereitschaft

Stress ist nicht gleich Stress – so lautete lange eine verbreitete Annahme. Wissenschaftler unterschieden zwischen positivem und negativem Stress („Eustress“ und „Distress“). Die Medizin sieht das heute anders. Denn die Reaktion auf Herausforderungen sei zunächst identisch: Körper und Geist werden aktiviert und schalten in den Problemlöse-Modus. Entscheidend ist, wie wir die anstehende Aufgabe wahrnehmen. Lässt sich das Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen, fühlt sich die Aktivierung positiv an. Wer sich überfordert fühlt, wird die Anspannung eher als negativ und belastend empfinden.

Verantwortlich für die Entstehung von Stress ist auf neuronaler Ebene die Amygdala, eine mandelförmige Hirnregion. Sie ist Teil des Limbischen Systems, das im Inneren des Gehirns die Verarbeitung von Emotionen reguliert. In angst- und stressauslösenden Situationen werden Nervenzellen aktiviert. Sie bewirken Hormonausschüttungen und sorgen dafür, dass der Körper sich auf Aktivität vorbereitet – evolutionsbiologisch ausgedrückt auf Kampf oder Flucht.

Stress am Arbeitsplatz: die 5 wichtigsten Auslöser

Dass die körperlich-geistige Anspannung am Arbeitsplatz zunimmt, belegen zahlreiche Studien. So zeigt zum Beispiel eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse, dass sich mehr als 60 Prozent der Befragten regelmäßig gestresst fühlen. Problematisch wird dies insbesondere dann, wenn der Stress chronisch wird. Positive Effekte wie eine Extraportion Motivation und Leistungsfähigkeit verlieren so rasch ihre Wirkung. Stressbedingte Krankschreibungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, vor allem bei den psychischen Störungen. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage ist zwischen 2000 und 2018 um 92 Prozent gestiegen – also um fast das Doppelte.

Stress am Arbeitsplatz hat verschiedene Ursachen. Zu den wichtigsten psychosozialen Auslösern gehören:

1. Hohe Arbeitsverdichtung

Immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit – der Druck auf die Beschäftigten nimmt in der heutigen Berufswelt stetig zu. Die Geschwindigkeit von Arbeitsabläufen ist, auch bedingt durch neue Technologien, enorm gestiegen. Zudem verursachen häufige Umstrukturierungen und unsichere Arbeitsverhältnisse innerhalb der Unternehmen bei vielen Beschäftigten Stress.

2. Innerer Druck

Zu äußeren Faktoren kommen innere hinzu. Denn Arbeit hat in der modernen Gesellschaft einen enormen Stellenwert – entsprechend groß ist die Angst, diese und damit die Existenzgrundlage zu verlieren oder nicht gut genug zu sein. Moderne Arbeitsformen verlangen dem Einzelnen zudem ein hohes Maß an Flexibilität und Eigenverantwortung ab. Auch dies führt in vielen Fällen zu Dauerstress.

3. Termindruck und ständige Erreichbarkeit

Eine Untersuchung identifiziert ständigen Termindruck als den wichtigsten Auslöser von Stress am Arbeitsplatz – 34 Prozent von insgesamt 1600 befragten Arbeitnehmern gaben dies als Grund an. Mit 30 Prozent ebenfalls häufig genannt war die ständige Erreichbarkeit – rund ein Drittel der Beschäftigten liest beispielsweise auch in der Freizeit noch Job-Mails. Die Folge: Viele Arbeitnehmer schaffen es kaum noch, nach der Arbeit abzuschalten.

4. Schlechtes Arbeitsklima, fehlende Anerkennung

Für emotionalen Stress sorgt häufig auch eine schlechtes Arbeitsklima. Streitereien mit Kollegen und Vorgesetzten sind für viele Arbeitnehmer an der Tagesordnung und werden zur dauerhaften Belastung. Oftmals werden Leistungen und Erfolge zudem nicht ausreichend gewürdigt. Bleibt positives Feedback von Kollegen oder Vorgesetzten dauerhaft auf der Strecke, sinkt die Motivation – für Betroffene eine enorme Belastung.

5. Monotonie

Zu viel Arbeit kann Stress auslösen, aber auch das Gegenteil gilt: Wer hauptsächlich mit wiederkehrenden Routineaufgaben beschäftigt ist, langweilt sich bei der Arbeit. Was für manche wie Entspannung klingt, kann ähnlich wie beim Burn-out-Syndrom krank machen – Fachleute sprechen dann vom „Bore-out-Syndrom“.

Stressbewältigung am Arbeitsplatz – Tipps & Tricks, die helfen

Die gute Nachricht für gestresste Arbeitnehmer: Gegen die Dauerbelastung lässt sich etwas unternehmen. Die radikalste Reaktion gleich vorneweg: Wenn sich Stress im Job trotz aller Versuche nicht reduzieren lässt, bleibt manchmal nur der Wechsel in ein anderes Unternehmen oder gar in einen anderen Job. Soweit muss es allerdings nicht kommen. Denn oft können schon kleine Veränderungen eine große Entlastung bringen. Folgende Tipps können dabei helfen:

Arbeitstag strukturieren: Es ist gar nicht so leicht, bei der Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben einen kühlen Kopf zu bewahren. Umso wichtiger ist es daher, Ihre To-dos zu strukturieren. Nehmen Sie sich morgens einen Moment Zeit, bevor Sie sich in die Arbeit stürzen. Verschaffen Sie sich einen Überblick über anstehende Aufgaben und erledigen Sie sie nach Priorität. Und wenn abends nicht alle Punkte abgehakt sind: Machen Sie sich klar, dass wir uns meist zu viel vornehmen. Was Sie an einem Tag nicht erledigen, wandert abends auf die Liste für den nächsten Tag.

Regelmäßige Pausen einlegen: Die Empfehlung klingt trivial, wird aber häufig vergessen. Denn wer acht Stunden am Stück arbeitet, ist nicht nur weniger leistungsfähig, sondern mit höherer Wahrscheinlichkeit auch gestresst. Regelmäßige Pausen verschaffen Erholung zwischendurch – und haben den Vorteil, dass sie den Tag strukturieren. Nehmen Sie also Pausenzeiten ernst und legen Sie auch mal kürzere Auszeiten von wenigen Minuten ein. Öffnen Sie dabei das Fenster oder tanken Sie Frischluft bei einer kurzen Runde um den Block.

Selbstbestimmt arbeiten: Wenn wir mit Arbeit gleichsam überschüttet werden, fühlen wir uns schnell fremdbestimmt und gestresst. Tatsache ist aber auch: Nicht alles, was zunächst dringend erscheint, ist wirklich so wichtig, dass es sofort erledigt werden muss. Lernen Sie daher, Wichtiges von Unwichtigem, Dringendes von weniger Dringendem zu unterscheiden. Trauen Sie sich ruhig einmal, zusätzliche Aufgaben abzulehnen oder um mehr Bearbeitungszeit zu bitten. Positiver Effekt: Sie fühlen sich wieder stärker selbstbestimmt und dadurch weniger gestresst.

Persönliche Stressauslöser reflektieren: Nicht jeder Mensch reagiert in derselben Weise auf potenziell stressauslösende Situationen. Umso wichtiger ist es, die persönlichen Stress-Trigger zu kennen und zu reflektieren. Wer etwa besonders penibel ist, wird unter hohem Zeitdruck mehr leiden als jemand, der mit einem ordentlichen, aber nicht ganz perfekten Ergebnis zufrieden ist. Andere wiederum fühlen sich schnell gemaßregelt, wenn nicht jeder Vorschlag sofort auf Gegenliebe stößt. Seien Sie ehrlich zu sich selbst und finden Sie Ihre „wunden Punkte“ heraus – bei Bedarf auch mit professioneller Hilfe durch einen Coach oder Psychotherapeuten.

Bewegung hilft: Stress erhöht den Aktivitätsdrang des Körpers. Das kann sich unangenehm anfühlen, lässt sich aber durch körperliche Aktivität positiv wenden: Ausdauersportarten wie Joggen oder Fahrradfahren reduzieren erwiesenermaßen das Stresslevel. Auch ein täglicher Spaziergang in zügigem Tempo kann eine solche Wirkung entfalten. Anderen wiederum helfen eher ruhigere Beschäftigungen, zum Beispiel Yoga, Achtsamkeitsübungen oder Meditation. Finden Sie heraus, was Ihnen guttut – und wenn es das Relaxen auf der Couch oder vor dem Fernseher ist. Auch diese Freizeitaktivitäten nutzen viele Menschen zur Entspannung.

Auch Unternehmen können aktiv gegen Stress vorgehen

So hilfreich es ist, individuelle Mittel zur Stressbewältigung zu finden: Auch Unternehmen können und sollten etwas gegen die übermäßige Belastung ihrer Beschäftigten tun. Dass das geht, zeigen verschiedene Beispiele. Die Raiffeisenbank Nordeifel etwa bietet ihren Mitarbeitern eine Vielzahl an Teilzeitmöglichkeiten, Homeoffice-Modelle und Sabbaticals. Mit Erfolg: Fachkräfte sind so zufrieden, dass sie zum Teil bewusst in die Provinz ziehen.

Ein weiteres Beispiel ist Schmitz Cargobull. Der Hersteller von Sattelaufliegern und Anhängern implementiert Gesundheitsmaßnahmen in hoher Qualität an verschiedenen Standorten. Eine Besonderheit ist die individuelle Erfassung des psychischen Gesundheitszustands. In einer Befragung gaben 500 Mitarbeiter Auskunft über ihr Wohlbefinden. Das Unternehmen bietet „schnelle Hilfe“ und garantiert Beschäftigten in psychischen Belastungssituationen, dass sie innerhalb von zehn Tagen einen Arzttermin erhalten.

Besonders um Männergesundheit bemüht sich der Konzern thyssenkrupp. Männer setzen sich weniger intensiv mit Gesundheitsthemen auseinander und sind mit traditionellen Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements oft schwer zu erreichen. Zu den Angeboten des Unternehmens gehören neben Ernährungstipps auch Bewegungs- und Entspannungsempfehlungen.

Mit passenden Förderprogrammen helfen Unternehmen ihren Mitarbeitern, Stress zu bewältigen. Das lohnt sich nicht nur für die Beschäftigten, sondern rechnet sich auch für Unternehmen: Wissenschaftler gehen beispielsweise davon aus, dass sich jeder Euro, den Firmen in die seelische Gesundheit investieren, vier- bis zehnfach auszahlt.

Langfristig leistungsfähig bleiben

Dauerhafter Stress ist für Beschäftigte wie für Unternehmen belastend. In Zeiten hoher Arbeitsverdichtung, ständiger Erreichbarkeit, globaler Konkurrenz und rasanter Technologieentwicklung ist es umso wichtiger, dass jeder Einzelne (wieder) lernt, abzuschalten und zu entspannen. Den größten Erfolg beim Bemühen, Stress für alle Beteiligten zu reduzieren, verspricht indes beides: individuelle und unternehmensübergreifende Maßnahmen. Das erhält nicht nur Leistungsfähigkeit und Motivation der einzelnen Beschäftigten, sondern sichert langfristig auch den wirtschaftlichen Erfolg.

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