Interview mit Stephanie Mock-Haugwitz, Deutschtrainerin bei Berlitz in Berlin-Mitte

Berlitz

"Wir Lehrer wissen, dass Fehlermachen zum Sprachenlernen dazugehört!"

Eigentlich ist Stephanie Mock-Haugwitz keine gebürtige Berlinerin; schließlich ist sie in Göttingen geboren und hat viele Jahre in Süddeutschland gelebt. In die Hauptstadt zog es sie nach ihrer Ausbildung im Jahr 1999 zuerst nur für ein Praktikum. Doch dabei blieb es nicht: es folgten weitere Praktika und Jobs, bis Frau Mock-Haugwitz schließlich auch ihr Studium der Kulturwissenschaft und der Neueren deutschen Literatur in Berlin abschloss. Berufsbegleitend studierte sie zusätzlich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und ist nicht nur dank ihrer zahlreichen Qualifikationen bereits seit 10 Jahren eine herausragende Deutschtrainerin bei Berlitz, sondern auch als Dozentin, Redakteurin und Korrektorin tätig.

Frau Mock-Haugwitz, unterrichten Sie in erster Linie klassische Sprachkurse in Deutsch oder liegt Ihr Schwerpunkt auf Integrationskursen?

Ich gebe auch klassischen Deutschunterricht bei Berlitz, habe aber vor allem jahrelang Integrationskurse gegeben. Momentan unterrichte ich „Deutsch für den Beruf“. Meine Kursteilnehmer sind allerdings immer Erwachsene.

Wo kommen Ihre Kursteilnehmer normalerweise her? Ist ein Land oder eine Region besonders stark vertreten oder ist es bunt gemischt?

Meine Kurse waren bisher erfreulicherweise immer bunt gemischt. Die Teilnehmer kommen aus aller Welt.

Was führt die Teilnehmer zu uns? Aus welchem Grund möchten sie Deutsch lernen?

Die meisten meiner Teilnehmer haben eine längerfristige „deutsche Zukunft“ vor sich, sodass sie die Sprache lernen, um im Alltag und im Beruf zurechtzukommen.

Haben viele Schüler Vorkenntnisse oder unterrichten Sie häufiger komplette Anfänger?

In den Integrationskursen habe ich absolute Anfänger unterrichtet, in den „Deutsch für den Beruf“-Kursen haben die Teilnehmer Vorkenntnisse, meistens auf GER-Niveau B1.

Berlitz Sprachschule Berlin Mitte

Wie sieht die erste Unterrichtsstunde in Deutsch Level 1 bei Berlitz aus? Was wird thematisch behandelt und was können die Kursteilnehmer am Ende sagen?

Ich werde oft gefragt, ob ich mit Anfängern wirklich nur Deutsch spreche, obwohl die Teilnehmer das doch gar nicht verstünden. Ja, das tue ich, und ich kann versichern, dass es funktioniert. Schließlich habe ich ja auch noch Hände und Füße.

Abgesehen davon, dass ich überzeugt bin, dass es wichtig ist, nur in der Zielsprache zu unterrichten, gäbe es keine Alternative, da sich in bunt gemischten Gruppen meist keine gemeinsame Sprache finden lässt.

Am Ende der ersten Stunde können die Teilnehmer beispielsweise sagen: „Hallo. Mein Name ist Hela. Ich komme aus Sousse. Sousse ist eine Stadt in Tunesien. Ich spreche Arabisch und Französisch. Und du? Woher kommst du?“

Wann stellen sich die ersten Erfolge ein? Ab wann kann ein Gespräch geführt werden?

Erste Erfolge erleben die Teilnehmer sofort – nämlich dann, wenn sie ihren ersten Satz auf Deutsch sagen und an meiner Reaktion merken: Die hat mich verstanden!

Welche Fehler sehen Sie besonders oft bei Deutschlernern? Womit haben viele Probleme?

Ich könnte da eine Reihe von Schwierigkeiten der deutschen Sprache auflisten: die Konjugation, die Artikel, die Satzstellung…, aber es hilft ja nichts! Wir Lehrer wissen, dass Fehlermachen zum Sprachenlernen dazugehört. Das hören die Teilnehmer zwar nicht unbedingt gern, und es gibt im Unterricht auch genug Raum und Zeit für Korrekturen, aber der Fokus sollte immer darauf liegen, was in der Fremdsprache schon möglich ist und gut klappt. Die Motivation der Teilnehmer ist das A und O.

Die deutsche Grammatik ist sehr kompliziert. Wie können Anfänger trotzdem mit der Berlitz-Methode Deutsch lernen? Gibt es von Anfang an Grammatik-Einheiten oder kommt das später? Gibt es spezielle Grammatikstunden?

Der Schwerpunkt liegt immer auf der gesprochenen Sprache. Dabei wird Grammatik nie isoliert unterrichtet, sondern immer situativ eingebettet. Dadurch und durch die Förderung des Sprachbewusstseins können die Lernenden Grammatik als ein Mittel zum Ziel begreifen, und das hilft dann wiederum dabei, den großen Respekt vor Grammatikstrukturen etwas abzubauen.

Was haben die Teilnehmer bereits im Alltag gelernt? Welche Themenbereiche sind neu?

Die Teilnehmer, die ich in „Deutsch für den Beruf“-Kursen unterrichte, sind im Alltag schon einigermaßen fit. Da geht es dann relativ schnell um speziellere Themen aus dem Arbeits- und Berufsleben. Besonders anspruchsvoll ist für Teilnehmer auf B1/B2-Niveau natürlich, einen Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben auf Deutsch zu verfassen oder sich auf ein Vorstellungsgespräch auf Deutsch vorzubereiten.

Zu welchen Hilfsmitteln würden Sie Anfängern raten, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern? Gibt es spezielle Fernsehprogramme, Zeitschriften oder Bücher?

Ich rate meinen Teilnehmer meist einfach nur, so viel wie möglich in Kontakt mit der Sprache zu kommen. Das kann mit einem Tandem-Partner, mit dem sich zum Austausch getroffen wird, forciert werden. Aber auch der Alltag bietet viele Möglichkeiten, um die Sprache einfach zu trainieren. Natürlich ist es möglich, im Supermarkt einzukaufen, ohne ein Wort zu verlieren. Deutschlerner sollten aber lieber mit dem Verkäufer oder an der Kasse Mini-Dialoge üben. Und diese Übung ist nicht zu unterschätzen!

Ein anderes Beispiel: Neulich erzählte mir ein Schüler, dass er, wenn er mit den Hausaufgaben nicht weiterkäme, seinen Sitznachbarn in der U-Bahn ansprechen und um Hilfe bitten würde. Das braucht natürlich Mut, aber die Methode ist so einfach wie genial, um ins Gespräch zu kommen.

Welche Kurse werden speziell für Flüchtlinge, die Deutsch lernen wollen, angeboten? Was ist der Unterschied zwischen einem Integrations- oder DeuFöV-Kurs und einem „normalen“ Sprachkurs?

Es sind verschiedene Zielgruppen, die angesprochen werden. Wenn eine entsprechende Sprachstandserhebung erfolgt, kann dem Teilnehmer der Sprachkurs empfohlen werden, der seinen Vorkenntnissen und Bedürfnissen am besten entspricht.

Was müssen Interessierte beachten, wenn sie einen geförderten Deutsch- oder Integrationskurs besuchen wollen?

Sie sollten sich rechtzeitig beziehungsweise so früh wie möglich informieren und anmelden, um keine Zeit zu verlieren. Die Kurse sind oft weit im Voraus ausgebucht.

Was ist typisch Deutsch? Was muss neben der Sprache noch beherrscht werden, um sich in der Kultur zurechtzufinden? Wie würden Sie den typischen Deutschen in 2 Sätzen beschreiben?

Puh, also mit dieser Frage kann ich persönlich recht wenig anfangen. Wenn die Frage allerdings im Unterricht aufkommt, dann sagen die Teilnehmer so etwas wie: „Die Deutschen sind pünktlich, arbeiten viel und essen gern Kartoffeln.“ Das trifft verblüffenderweise sogar alles auf mich zu!

Wie gut kommen die Zugezogenen mit der deutschen Kultur aus? Müssen Sie oft Situationen erklären, die den Schülern im Alltag passiert sind?

Das, was an der fremden, also in diesem Fall deutschen Kultur so anders ist als an der eigenen, wird immer unterschiedlich bewertet. Zum einen höre ich zum Beispiel, wie undenkbar es in anderen Kulturen ist, dass sich mit den eigenen Eltern „verabredet“ wird, also dass gesagt wird: „Mama, Papa, kommt doch gegen 15 Uhr zum Kaffee!“ Das sei ein Affront gegenüber den Eltern, denen die Tür der Kinder jederzeit offen zu stehen habe. Auf der anderen Seite passiert es, dass mir ein Teilnehmer sagt: „Also, Frau Mock, das ist ja super hier in Deutschland, dass die Familie nicht einfach so vorbeikommt und dann tagelang bleibt!“

Welchen Schwerpunkt und in welchem Format unterrichten Sie am liebsten und warum? Was ist der Unterschied?

Ich unterrichte am liebsten Gruppen um die acht Personen. Da habe ich methodisch viel Spielraum und jeder kommt oft zu Wort. Ausbildung, Beruf und Arbeit sind thematisch momentan meine bevorzugten Schwerpunkte. Es ist eine große Herausforderung, Menschen in ihrer Sprachkompetenz so zu fördern, dass sie sich zutrauen, fremdsprachlich in der Arbeitswelt zurechtzukommen.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit bei Berlitz?

Es gibt viele Momente und Geschichten, an die ich gern denke. Eine der letzten Episoden, die mir und meinen Teilnehmern passiert ist: Wir haben im Unterricht ein Szenario gespielt. Das Thema war „Umzug“. Eine Schülerin spielte eine Frau, die umziehen will, zwei Schüler spielten die beiden Mitarbeiter einer Umzugsfirma, die kommen, um die Wohnung der Frau zu besichtigen. Vorm Betreten der Wohnung wollte einer der beiden Männer fragen, ob es nötig sei, die Schuhe auszuziehen, aber er fragte stattdessen: „Sollen wir uns ausziehen?“ Der „deutsche“ Dialog war perfekt, als die Frau mit harmlosem Gesicht antwortete: „Da sehe ich absolut kein Problem.“

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